Die Pfeifenwerkstatt
WERKSTATT
Eine Orgelpfeife soll schön klingen und diesen Klang möglichst lange bewahren. Was selbstverständlich erscheint, verlangt eine sorgfältige Abstimmung von Konzeption, Material, Verarbeitung und Pflege: Das Metall soll sich gut bearbeiten lassen und die gewünschten klanglichen Eigenschaften besitzen, zugleich aber dauerhaft dem eigenen Gewicht standhalten. In unserer Pfeifenwerkstatt beschäftigen wir uns deshalb nicht nur mit historischen Vorbildern, sondern ebenso mit der Frage, weshalb sich manche Lösungen bewährt haben und andere nicht. Diese Informationen fließen seit den Anfängen der Werkstatt in den Bau neuer und die Restaurierung historischer Pfeifen mit ein.
Das richtige Metall
Bei der Wahl der Legierung greifen wir auf die Untersuchung historischer Pfeifen, eigene Erfahrungen und Langzeitversuche zurück. Dabei interessiert uns weniger, wie hart sich ein Blech beim Anfassen oder Biegen anfühlt, als vielmehr seine Kriechfestigkeit – also seine Fähigkeit, über viele Jahre nicht unter dem eigenen Gewicht einzusinken. Beides ist keineswegs dasselbe.
Gerade bei größeren Pfeifen haben sich nach unserer Erfahrung zwei historische Ansätze bewährt: hochprozentige Bleilegierungen mit etwa 97 Prozent Blei und hochprozentige Zinnlegierungen mit etwa 80 bis 99 Prozent Zinn. Welche Zusammensetzung sich eignet, hängt von den Anforderungen an das jeweilige Pfeifenwerk ab; neben der Dauerhaftigkeit spielen Klang und Erscheinungsbild eine wichtige Rolle.
Historische Legierungen übernehmen wir dennoch nicht unbesehen. Ihre Eigenschaften werden auch durch geringe Beimengungen und Spurenmetalle beeinflusst, deren Zusammenwirken nicht in jedem Fall vollständig geklärt ist. Eine alte Zusammensetzung mit heutigen, besonders reinen Ausgangsstoffen nachzumischen, ergibt deshalb nicht zwangsläufig ein gleichwertiges Material. Auch eine Pfeife eines berühmten Erbauers ist nicht schon deshalb gegen das Einsinken gefeit.
Nach oben hin leichter
Ebenso wichtig wie die Legierung ist die Verteilung der Wandstärke. Wir dünnen die Pfeifenwandungen zur Mündung hin sorgfältig aus, sodass das Metall oben deutlich dünner ist als an der Fußspitze – möglichst etwa halb so stark. Die Pfeife wird dadurch dort entlastet, wo zusätzliches Gewicht wenig nützt, und erhält zugleich eine Mündung, die sich schonend stimmen lässt.
Dieses Ausdünnen gehört zu den wesentlichen Voraussetzungen unseres Pfeifenbaus. Es dient der dauerhaften Stabilität großer Pfeifen, schützt kleinere vor Stimmschäden und kommt nach unserer Erfahrung auch dem Klang zugute. Entscheidend ist dabei nicht allein, ob eine Pfeife insgesamt dick- oder dünnwandig gebaut wird, sondern wie Legierung und Wandungsverlauf aufeinander abgestimmt sind.
Mit der industriellen Fertigung geriet diese Arbeitsweise weitgehend in Vergessenheit. Gleichmäßig starke Bleche lassen sich zwar rationeller herstellen, verlangen aber andere Lösungen für die Stabilität. Wir halten am sorgfältigen Ausdünnen fest, weil es uns erlaubt, hervorragende klangliche Eigenschaften und Dauerhaftigkeit miteinander zu verbinden.
Gießen und Bearbeiten
Auch bei der Herstellung und Bearbeitung der Bleche unterscheiden wir zwischen dem, was dem Klang dient, und dem, was die Stabilität tatsächlich verbessert. Das Abziehen der Innenseite mit der Ziehklinge beeinflusst unserer Erfahrung nach den Klang, erhöht jedoch nicht die Kriechfestigkeit.
Ähnliches gilt für den Sandguss: Die Bleche mögen sich zunächst härter anfühlen, werden dadurch aber nicht dauerhaft standfester. Seine Bedeutung liegt für uns vielmehr in den klanglichen Eigenschaften, die wir besonders bei mittelgroßen und kleineren Pfeifen schätzen. Ebenso wenig betrachten wir das Hämmern als verlässlichen Weg zu größerer Kriechfestigkeit. Was sich mit der Hand härter anfühlt, muss auf Dauer noch lange nicht besser stehen.
Schonend stimmen und erhalten
Die Sorgfalt beim Pfeifenbau setzt sich im Umgang mit dem fertigen Instrument fort. Jeder Stimmvorgang beansprucht das Material, weshalb richtig bemessene Pfeifenlängen und sorgfältig ausgedünnte Mündungen von Anfang an wichtig sind. Zu kurze Pfeifen lassen sich nur unter ungünstigen Bedingungen stimmen; wiederholte Eingriffe verformen schließlich nicht nur die Mündung, sondern auch den empfindlichen Aufschnittbereich und beeinträchtigen damit die Intonation.
Zum Stimmen verwenden wir ausschließlich unsere selbstgedrechselten Pockholz-Stimmhörner, die in zahlreichen Größen auf die jeweiligen Pfeifen abgestimmt sind. Ihr geringes Gewicht, der schlanke Konus und die glattpolierten, leicht fettigen Oberflächen ermöglichen einen besonders behutsamen Umgang mit dem Metall. Gerade bei empfindlichem historischem Material macht das für die Lebensdauer der Pfeifen einen beträchtlichen Unterschied.
Bevor ein Stimmhorn zum Einsatz kommt, prüfen wir jedoch zunächst, ob eine Reinigung nötig ist. Staub auf dem Kern, an den Innenwänden oder in der Kernspalte kann den Ton vertiefen. Wer dann lediglich nachstimmt oder die Pfeife sogar kürzt, behandelt die Folge und lässt die Ursache bestehen. Wir reinigen deshalb bei jeder Stimmung zunächst mit passenden Pinseln und stimmen erst anschließend, soweit es erforderlich ist.
Bei Restaurierungen gehört die Wiederherstellung der richtigen Pfeifenlängen grundsätzlich zu unserem Ansatz. Beschädigte Mündungen werden repariert, Verformungen behutsam zurückgenommen und zu kurze Pfeifen bei Bedarf angelängt. So schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass das erhaltene Material nicht bei jedem späteren Stimmen weiter beansprucht oder beschädigt wird.
Vom Legieren und Gießen über das Ausdünnen bis zur späteren Pflege betrachten wir den Pfeifenbau als zusammenhängende Aufgabe. Ein schöner Klang soll schließlich nicht nur bei der Abnahme überzeugen, sondern dem Instrument über Jahre hinweg erhalten bleiben.









